Der Wecker reißt uns viel zu früh aus dem Schlaf, so ein Ton, der sich anfühlt wie kaltes Wasser im Nacken. Draußen ist es noch tiefschwarz, und München liegt still, als hätte jemand die Stadt mit einem dicken Tuch zugedeckt. Nur das leise Brummen eines entfernten Lieferwagens zieht einmal durch die Straße, dann ist wieder Ruhe. Ich schiebe den Vorhang einen Spalt beiseite und sehe dieses typische Wintergrau, das in der Nacht schon bereitliegt, um den Tag zu übernehmen. Nasskalt, ein bisschen trostlos, aber genau das macht die Idee so gut: raus aus der Stadt, rauf in den Schnee, dahin, wo der Atem weiß wird und die Gedanken wieder klar.
In der Küche ist es warm. Die Kaffeemaschine röchelt, als müsste sie sich erst erinnern, wie man morgens funktioniert, und ich halte die Hände kurz an die Tasse, nur um dieses kleine bisschen Wärme zu klauen. Brot, ein paar schnelle Bissen, Rucksackcheck wie immer halb automatisch. Mütze, Handschuhe, Stirnlampe, Ersatzhandschuhe, weil man es im Winter irgendwann lernt. Thermosflasche, ein paar Nüsse, eine Banane, und die Schneekette bleibt im Kofferraum, nur für den Fall. Das Auto ist von einer dünnen Feuchtigkeitsschicht überzogen, und als ich die Tür öffne, schlägt mir die Kälte entgegen, die nicht beißt, sondern eher zäh ist, wie eine nasse Decke. Der Motor springt an, das Radio bleibt aus. So ein Tag braucht am Anfang keine Stimmen.
Wir rollen durch München, vorbei an Straßenlaternen, die ihren Dienst noch nicht quittieren wollen. Die Ampeln schalten in aller Ruhe, obwohl kaum jemand unterwegs ist. Irgendwo brennt Licht in einem Fenster, und ich frage mich kurz, wer da gerade wach ist und was für ein Leben dahinter läuft. Dann kommt die Auffahrt, die Stadt liegt hinter uns, und mit jedem Kilometer Richtung Süden wird der Kopf leichter. Es ist, als ob die Autobahn nicht nur Strecke frisst, sondern auch dieses ganze Alltagszeug, das man sonst mit sich rumschleppt. Termine, Kleinkram, Nachrichten. Alles bleibt zurück.
Je näher wir dem Chiemgau kommen, desto mehr verändert sich das Licht. Es wird nicht wirklich hell, eher so ein vorsichtiges Dämmern, das sich durch die Wolkendecke tastet. In den Wiesen liegt Reif, und an den Waldrändern hängt Nebel, der aussieht, als würde der Boden atmen. Die Berge zeigen sich noch nicht, nur Schatten in der Ferne. Dann, kurz hinter einer Kurve, ist er plötzlich da: ein heller Streifen am Himmel, und ganz unten, dort wo die Voralpen anfangen, glimmt etwas wie Hoffnung. Ich lächle, ohne es zu merken. Genau dafür sind wir unterwegs.
Am Parkplatz ist es ruhig. Zwei, drei Autos stehen schon da, beschlagen, mit Schneeresten auf den Dächern. Man hört Türen, die ins Schloss fallen, und dieses Rascheln von Stoff, wenn Leute ihre Jacken zurechtziehen. Ich ziehe mir die Mütze tiefer, schnalle den Rucksack fest und stehe einen Moment einfach da. Die Luft ist anders als in München. Kälter, klarer, aber nicht unangenehm. Sie riecht nach Holz, nach feuchter Erde unter Schnee, nach Winter, wie er sein soll.
Der Weg beginnt sanft. Ein breiter Forstweg, leicht ansteigend, der uns in den Wald zieht wie in einen Tunnel. Unter den Schuhen knirscht der Schnee, noch nicht tief, eher eine feste Schicht, die bei jedem Schritt nachgibt und wieder zusammenfriert. Das Geräusch ist beruhigend, fast meditativ. Links und rechts stehen Fichten, schwer beladen, als hätten sie sich für einen Fototermin geschniegelt. Hier und da bricht ein Ast unter der Last und lässt ein kleines Schneepaket auf den Boden plumpsen. Manchmal fällt auch etwas auf die Kapuze, ein leises „pff“, dann lacht man kurz und geht weiter.
Die ersten hundert Höhenmeter laufen sich weg, als wären sie nichts. Der Körper braucht ein paar Minuten, bis er versteht, dass das hier kein Spaziergang ist, aber dann kommt dieser Rhythmus, der alles übernimmt. Schritt, Atem, Schritt, Atem. Ich merke, wie die Hände warm werden, obwohl ich Handschuhe trage. Und wie die Gedanken langsamer werden. Das ist dieses Winterwandern, das ich so mag: Es zwingt einen zur Einfachheit. Du kannst nicht gleichzeitig schnell sein und gemütlich, du musst dich entscheiden, und meistens entscheidet der Schnee für dich.
Nach einer Weile lichten sich die Bäume ein bisschen. Zwischen den Stämmen sieht man eine helle Fläche, und als wir aus dem Wald treten, liegt vor uns eine offene Schneewiese, die im ersten Sonnenlicht glitzert. Es ist nur ein kurzer Moment, aber er fühlt sich an wie ein Geschenk. Die Sonne schafft es durch eine Lücke in den Wolken, trifft auf die Oberfläche und macht aus allem tausend kleine Spiegel. Ich bleibe stehen und schaue. Der Atem steht in der Luft, die Wimpern werden ein bisschen feucht, und irgendwo weiter oben ruft ein Vogel, so ein einzelner Ton, der in der Stille hängen bleibt.
Dann geht es wieder hinein in den Wald, steiler jetzt. Der Weg zieht in Serpentinen nach oben, und ich spüre die 500 Höhenmeter langsam in den Oberschenkeln. Nicht schlimm, eher so ein angenehmes Ziehen, das daran erinnert, dass man lebt. Wir kommen an einem kleinen Bach vorbei, der unter einer Eisschicht murmelt. Man hört ihn mehr, als man ihn sieht. Das Wasser findet immer einen Weg, auch im Winter. Ich bleibe kurz stehen, schaue auf die kleinen Luftblasen im Eis und denke, wie verrückt das eigentlich ist: draußen Minusgrade, und da unten läuft es einfach weiter, als wäre nichts.
Mit jedem Meter wird die Welt ein Stück leiser. Der Wald dämpft Geräusche sowieso, aber jetzt kommt noch die Höhe dazu, und der Schnee schluckt alles, was sonst klappern oder hallen würde. Ich höre nur unseren Atem, das Knirschen, gelegentlich das leise Rutschen eines Schuhs, wenn eine Stelle glatter ist. Und irgendwo, ganz weit weg, ein dumpfes Geräusch, vielleicht ein Lawinenverbau, vielleicht ein Ast, vielleicht nur Einbildung. Im Winter ist das Ohr empfindlicher, weil die Augen weniger Ablenkung bekommen.
Nach etwa der Hälfte der Höhenmeter verändert sich die Stimmung. Es beginnt harmlos, als würden kleine Watteflocken durch die Luft treiben. So ein vorsichtiges Schneien, bei dem man noch denkt: Ach, das ist nett. Dann wird es dichter. Die Luft wird milchig, und der Himmel, der eben noch helle Stellen hatte, zieht zu wie ein Vorhang. Wir steigen weiter, und plötzlich sind wir mitten in den Wolken. Es fühlt sich an, als wären wir in einen anderen Raum gegangen. Die Konturen verschwinden, die Farben werden weich. Der Wald ist nicht mehr grün oder braun, sondern nur noch Schattierung. Und der Schnee wird schwerer, nasser, aggressiver. Große Flocken, die nicht schweben, sondern fallen, als hätten sie es eilig.
In so einem Schneefall wird man automatisch still. Es ist, als würde die Natur sagen: Jetzt hörst du zu. Die Flocken treffen das Gesicht, schmelzen auf der Wange, laufen als kleine kalte Linien nach unten. Ich ziehe die Kapuze enger, wische kurz über die Nase und muss grinsen, weil es trotzdem schön ist. Gerade weil es so ungemütlich ist. Der Winter zeigt hier, dass er Winter kann.
Der Weg ist jetzt tiefer verschneit. Die Spur ist noch da, aber sie füllt sich schnell wieder. Jeder Schritt hat mehr Widerstand, und das Tempo sinkt. Ich merke, wie der Puls hochgeht, und wie die Wärme im Körper gegen die Kälte ankämpft. Die Handschuhe sind feucht, und ich bin froh um das Ersatzpaar im Rucksack, auch wenn ich es noch nicht rauskrame. Wir reden kaum, nicht aus schlechter Laune, sondern weil es nicht nötig ist. Man versteht sich auch ohne Worte. Ein kurzer Blick, ein Nicken, und weiter.
Irgendwann wird es wieder heller. Nicht weil die Wolken aufreißen, sondern weil wir an einen Punkt kommen, an dem der Wald endet. Die letzten Bäume stehen vereinzelt, krumm und windgezeichnet, und dann öffnet sich ein Hang. Normalerweise würde man hier eine Aussicht erwarten, irgendwas mit Chiemsee, mit Bergen, mit weitem Blick. Heute ist da nur Weiß. Weiß in allen Richtungen. Der Schnee fällt schräg, der Wind hat zugenommen, und die Welt fühlt sich an wie eine Schneekugel, die jemand kräftig geschüttelt hat.
Und trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, ist es ein intensiver Moment. Weil man merkt, wie klein man ist. Weil man hier oben nicht viel kontrolliert. Du bist Gast, mehr nicht. Ich ziehe den Reißverschluss bis ganz nach oben, stelle mich ein bisschen gegen den Wind und schaue in dieses Nichts. Es hat etwas Beruhigendes, dieses Fehlen von Ablenkung. Keine Details, kein Panorama, nur Bewegung der Flocken und der eigene Atem. Ich denke daran, wie München jetzt wahrscheinlich grau ist, nasskalt, und wie die Leute mit hochgezogenen Schultern in die U-Bahn steigen. Und ich bin froh, dass ich hier stehe, mit kalten Wangen und warmem Herzen.
Wir machen eine kurze Pause, so gut es eben geht. Im Winter kann man nicht lange stehen, sonst kriecht die Kälte sofort in die Schuhe. Ich ziehe die Thermosflasche raus und nehme einen Schluck. Der Tee ist noch heiß, er brennt kurz an der Zunge und läuft dann wie Wärme durch den Körper. Das ist Luxus auf die einfache Art. Kein Café, kein großer Aufwand, nur ein Schluck und das Gefühl: Alles richtig gemacht.
Die letzten Meter bis zum höchsten Punkt ziehen sich ein bisschen, weil der Schnee tief ist und der Wind die Spur verweht. Aber es sind nur ungefähr 500 Höhenmeter insgesamt, eine Tour, die man gut machen kann, wenn man sich Zeit lässt und nicht hetzt. Und wir lassen uns Zeit. Wir gehen nicht, um anzukommen. Wir gehen, um unterwegs zu sein. Irgendwann ist es so weit. Kein Gipfelkreuz mit Weitblick, kein dramatischer Moment, eher ein stilles „Da sind wir“. Der höchste Punkt ist heute ein Gefühl, kein Foto.
Ich bleibe stehen und schließe kurz die Augen. Ich höre den Schnee, wie er auf die Jacke trifft. Ich spüre den Wind, wie er an der Kapuze zerrt. Und ich merke, wie zufrieden ich bin. Diese Art Zufriedenheit, die man nicht kaufen kann, die man sich erwandern muss. Die kommt, wenn man etwas getan hat, das simpel ist und trotzdem Bedeutung hat. Ein paar Stunden draußen, ein bisschen Anstrengung, ein bisschen Wetter, und plötzlich ist alles wieder sortiert.
Der Abstieg beginnt fast von allein. Der Körper ist warmgelaufen, die Schritte werden leichter, und bergab hat man immer das Gefühl, schneller zu sein, auch wenn man vorsichtig bleibt. Im frischen Schnee kann man schnell wegrutschen, und die Knie danken es einem, wenn man nicht zu wild wird. Der Schneefall hält noch eine Weile an, aber er wird feiner. Die Wolken sind immer noch da, doch manchmal blitzt ein heller Fleck durch, als würde die Sonne hinter dem Vorhang hin und her laufen.
Als wir wieder in den Wald eintauchen, wird es ruhiger. Der Wind bleibt oben, hier unten ist es windstill, und die Flocken fallen gerade nach unten, langsam, fast feierlich. Ich schaue auf die Äste, wie sie sich unter der Last biegen, und denke daran, wie lange so ein Baum das aushält. Jahrzehnte, Jahrhunderte. Wir machen unsere kleine Tour, kommen und gehen, und der Wald bleibt. Das hat etwas Tröstliches.
Je tiefer wir kommen, desto mehr Farbe kehrt zurück. Der Schnee ist nicht mehr nur Weiß, sondern zeigt wieder Schatten, zeigt wieder Strukturen. Und irgendwann, fast ohne dass man es merkt, ist der Schneefall vorbei. Es ist, als hätte jemand den Schalter umgelegt. Die Wolken hängen noch tief, aber sie reißen am Rand ein bisschen auf, und plötzlich kommt wieder Sonne durch. Nicht viel, nur so ein schräger Winterstrahl, der den Weg beleuchtet. Genau in dem Moment laufen wir an der Stelle vorbei, wo vorher die Wiese geglitzert hat, und jetzt glitzert sie noch mehr. Weil frischer Schnee draufliegt. Weil der Tag uns zum Abschied nochmal ein kleines Geschenk hinlegt.
Am Parkplatz kommt das Geräusch der Welt zurück. Türen, Stimmen, Motoren. Menschen, die erzählen, wie es war, wie kalt, wie schön, wie anstrengend. Wir ziehen die nassen Handschuhe aus, klopfen den Schnee von den Hosen, und als ich die Autotür öffne, kommt mir diese typische Autoluft entgegen, ein bisschen warm, ein bisschen nach Kunststoff, und ich bin plötzlich sehr dankbar für Sitzheizung. Die ersten Minuten im Auto sind immer still. Man fährt los, und der Körper merkt erst jetzt, dass er müde ist. Diese angenehme Müdigkeit, die sich nicht schwer anfühlt, sondern verdient.
Die Rückfahrt Richtung München zieht sich wie ein sanfter Übergang zurück in den Alltag. Draußen wechseln sich Schneereste und nasse Fahrbahn ab. Die Wolken bleiben hängen, und je näher wir der Stadt kommen, desto grauer wird es. Man sieht es richtig, als würde München sein eigenes Wetter haben. Während im Chiemgau der Schnee sauber war, ist hier alles feucht und kalt. Das Licht ist flach, die Häuser wirken dunkler, und die Luft hat diesen typischen Winterstadtgeruch: nasser Asphalt, Abgase, irgendwo ein Imbiss, der schon am Nachmittag nach Fritteuse riecht.
Zuhause ist es warm, aber nicht sofort gemütlich. Erstmal Schuhe aus, Jacken aufhängen, den Rucksack abstellen, die Hände unter warmes Wasser. Das Prickeln in den Fingern ist fast schmerzhaft, aber es ist auch ein Zeichen: Du warst draußen. Du hast dir den Winter nicht nur durchs Fenster angeschaut. Meine Frau kommt dazu, und wir wechseln diese Blicke, die mehr sagen als Worte. Dieses „War gut, oder?“ und „Ja, war gut.“ Man muss nicht viel reden. Der Tag steckt noch in uns.
Dann kommt mein Lieblingsmoment. Nicht der Gipfel, nicht die Aussicht, nicht mal der erste Schnee. Sondern der Übergang in die Wärme. Ich gehe in die Küche, stelle den Wasserkocher an und hole meine Gläser mit Kräutern raus, die sich über das Jahr angesammelt haben. Kleine Schätze, die man im Sommer fast vergisst und im Winter plötzlich versteht. Da ist Minze, die nach Sonne riecht. Da ist Zitronenmelisse, die immer ein bisschen nach Garten klingt. Da ist Thymian, der an trockene Hänge erinnert. Und da sind ein paar Blüten, die ich irgendwann gesammelt habe, einfach weil sie schön waren.
Während das Wasser heiß wird, schneidet draußen das Münchner Grau an die Fensterscheibe. Es regnet leicht, so ein feiner Niesel, der alles noch kälter aussehen lässt. Die Straßen spiegeln, und irgendwo tropft es von einem Balkon. Das ist dieses Wetter, bei dem man draußen nicht friert, weil es so kalt ist, sondern weil es so feucht ist. Genau das Wetter, das einen in die Wohnung drückt. Und genau deshalb fühlt sich unser Tee wie eine kleine Rebellion an.
Ich mische die Kräuter, nicht nach Wissenschaft, sondern nach Gefühl. Ein bisschen davon, ein bisschen davon. So wie man es über die Zeit lernt. Ich gieße das Wasser auf, und sofort steigt Duft auf. Warm, grün, ein bisschen süß, ein bisschen herb. Die Küche füllt sich mit diesem Geruch, und ich merke, wie mein Körper sofort runterfährt. Als würde er sagen: Jetzt ist gut. Jetzt darfst du.
Wir nehmen die Tassen mit ins Wohnzimmer. Die Couch wartet schon, Decke drüber, und wir kuscheln uns rein, als hätten wir den ganzen Tag darauf hingearbeitet. Draußen ist München nasskalt und unfreundlich, drinnen ist es weich. Der Tee dampft, und ich halte die Tasse so, dass die Wärme in die Hände zieht. Meine Frau lehnt sich an mich, und ich spüre, wie die Anspannung aus dem Rücken fällt. In solchen Momenten wird ein ganz normaler Wintertag plötzlich zu etwas Besonderem. Nicht, weil er spektakulär war, sondern weil er echt war.
Ich denke nochmal an den Schneefall oben in den Wolken. An die Flocken, die schräg kamen, an die weiße Leere. Und jetzt hier: die gleiche Jahreszeit, aber eine andere Welt. München ist heute kein Postkartenwinter, sondern eher so ein grauer Zwischenzustand. Aber ich habe den Schnee noch im Kopf, und das macht das Grau erträglicher. Vielleicht ist das das Geheimnis: Man muss sich die guten Bilder selbst holen, sonst liefert einem der Winter nur Nieselregen.
Der Abend kommt früh, wie immer im Dezember. Das Licht draußen wird noch flacher, die Stadt verschwindet langsam im Dunkel, und drinnen leuchtet eine kleine Lampe über dem Sofa. Wir trinken unseren Tee langsam, nicht weil wir müssen, sondern weil man so einen Moment nicht hetzen kann. Ich erzähle ihr ein paar Kleinigkeiten von unterwegs, wie der Schnee plötzlich so dicht wurde, wie still es war. Sie lacht an der Stelle, wo ich mir den Schnee von der Nase wischen musste. Und ich merke, wie schön das ist: Man nimmt den Tag mit nach Hause. Nicht als Foto, sondern als Gefühl.
Als die Tassen leer sind, stehe ich nochmal auf und schaue in die Küche. Die Kräutergläser stehen da wie kleine Jahreszeiten in Glasform. Und weil du am Ende ein paar Teerezepte wolltest, lasse ich sie hier einfach so stehen, als wären es kleine Logbucheinträge im Logbucheintrag, ohne viel Tamtam, einfach als warme Ideen für graue Münchner Winterabende.
Der „Wald-und-Wiese“-Tee ist mein Klassiker, wenn ich nach einem Tag draußen wieder ankommen will. Ich nehme getrocknete Brennnesselblätter als Basis, weil sie so erdig sind, dazu ein bisschen Zitronenmelisse für die leichte Frische und ein paar Minzblätter, damit es im Mund nach Winterluft und Sommergarten gleichzeitig schmeckt. Wenn ich es sanfter will, gebe ich noch ein paar getrocknete Apfelstücke dazu. Übergossen wird das Ganze mit kochendem Wasser, und dann lasse ich es ein paar Minuten ziehen, bis der Duft die Küche füllt und die Farbe im Becher leicht golden wird.
Wenn ich etwas brauche, das mehr nach „Wärme“ schmeckt, mache ich mir gern einen Kräutertee mit Thymian und Salbei, ganz schlicht, aber stark. Thymian bringt diese robuste, klare Note, Salbei macht es rund und ein bisschen samtig. Ich gebe manchmal noch einen Hauch getrocknete Kamille dazu, nicht viel, nur so, dass es weicher wird. Ziehzeit darf hier ruhig etwas länger sein, weil die Kräuter dann mehr Tiefe bekommen. Ein Löffel Honig passt, muss aber nicht. Der Tee wirkt auch ohne Süße, vor allem nach einem kalten Aufstieg.
Für Abende, an denen der Kopf nicht sofort abschalten will, mische ich mir eine ruhige Tasse aus Lavendelblüten und Melisse, ganz vorsichtig dosiert, weil Lavendel schnell dominant wird. Ein paar Blüten reichen, dazu die Melisse als freundlicher Gegenpart. Wenn ich noch welche da habe, kommen ein paar Lindenblüten dazu, die dem Ganzen so einen weichen, fast nostalgischen Ton geben. Das ist der Tee, der nach Decke und Sofa schmeckt, nach „Jetzt passiert nichts mehr“.
Und wenn es draußen richtig grau ist, wie heute in München, mag ich eine Mischung, die ein bisschen Sonne spielt. Dafür nehme ich getrocknete Hagebuttenschalen, weil sie fruchtig und leicht säuerlich sind, dazu ein paar Apfelstücke und, wenn vorhanden, ein paar Ringelblumenblüten für die Farbe und dieses sanfte, blumige Aroma. Das ist kein Tee, der laut ist. Aber er macht den Raum heller, zumindest im Kopf.
Ich lehne mich wieder zurück auf die Couch, und für einen Moment höre ich noch das Knirschen vom Schnee unter den Schuhen, obwohl ich längst im Warmen bin. Draußen regnet es weiter, die Stadt glänzt nass, und drinnen riecht es nach Kräutern und Winterruhe. Morgen ist wieder Alltag. Heute war Chiemgau. Heute war Wolke und Schneefall und danach Tee. Und das reicht vollkommen.
