Als München das Treppensteigen verlernte

Stellen Sie sich vor, Sie stehen in einem prachtvollen Kaufhaus, und vor Ihren Augen geschieht etwas Unmögliches: Eine Treppe bewegt sich wie von Geisterhand nach oben. Was für uns heute eine alltägliche Bequemlichkeit beim Shopping-Trip ist, war im Jahr 1931 eine Weltsensation, die ganz München zum Staunen brachte.

Wir von hobbyfisch.de werfen heute einen Blick zurück auf das „Blaue Wunder“ – die erste Rolltreppe Münchens.

Ein Hauch von Weltstadt im Oberpollinger

Im Jahr 1931, mitten in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit, setzte das traditionsreiche Kaufhaus Oberpollinger am Neuhauser Tor (heute Stachus) ein Zeichen des Fortschritts. Während man in London oder New York bereits mit der „Escalator“-Technik vertraut war, betrat München Neuland.

Am 20. März 1931 wurde sie feierlich eingeweiht: die erste „Fahrtreppe“ der Stadt. Die Münchner tauften sie schnell das „Blaue Wunder“. Warum blau? Zum einen wegen der damals modernen, bläulich schimmernden Metallverkleidung, zum anderen, weil man in Bayern eben sein „blaues Wunder“ erlebt, wenn man von etwas völlig Unvorhersehbarem überrascht wird.

Angst und Faszination

Die Berichte aus jener Zeit sind aus heutiger Sicht herrlich amüsant. Es gab Bürger, die sich weigerten, die Treppe zu betreten, aus Angst, sie könnten am Ende „verschlungen“ werden. Das Personal des Oberpollinger musste teilweise Überzeugungsarbeit leisten und den Kunden zeigen, wie man sicher auf- und absteigt.

Gleichzeitig wurde die Rolltreppe zum absoluten Publikumsmagneten. Menschen kamen nicht zum Einkaufen, sondern nur, um einmal gratis „bergauf zu fahren“. Es war das High-Tech-Erlebnis der 1930er Jahre – vergleichbar mit der ersten Fahrt in einer VR-Brille heute.

Ein technisches Meisterwerk

Die Treppe war eine Konstruktion aus Holz und Metall, angetrieben von einem leistungsstarken Elektromotor im Untergeschoss. Sie markierte den Übergang vom klassischen Warenhaus zur modernen Konsumkathedrale, in der der Komfort des Kunden an erster Stelle stand. Wer nicht mehr mühsam Treppen steigen musste, hatte mehr Energie (und Lust), durch die Etagen zu flanieren.

Spurensuche heute

Wenn Sie heute durch den luxuriösen Oberpollinger spazieren, erinnern die hochmodernen Rolltreppen im lichtdurchfluteten Atrium kaum noch an ihre hölzerne Urahnin. Doch der Geist der Innovation ist geblieben. Achten Sie beim nächsten Besuch einmal darauf: Der Ort, an dem München das „Gleiten“ lernte, ist immer noch eines der architektonischen Herzstücke der Innenstadt.

Fazit:

Münchens Geschichte steckt oft in den Details, an denen wir täglich achtlos vorbeigehen. Die erste Rolltreppe war mehr als nur Technik – sie war das Symbol für den Aufbruch Münchens in die moderne Weltstadt.