Der dritte Tag unserer Reise auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst begann mit dem ersten Licht des Morgens, das sich zart über die feinen Sandstrände von Prerow legte. Die Luft war klar, leicht kühl, aber angenehm. Schon beim Öffnen des Zeltreißverschlusses hörte man das Rauschen des Meeres, das irgendwo hinter den Dünen ruhig gegen das Ufer schlug. Heute stand eine besondere Etappe an: Prerow über den Darßer Wald nach Wiek und weiter zurück nach Born. Eine Rundtour, die Körper und Sinne gleichermaßen fordern und beschenken sollte.
Aufbruch aus Prerow
Frühstück gab es auf dem kleinen Campingplatz etwas abseits vom Trubel, mit frischem Kaffee und belegten Broten aus dem Dorfladen. Gegen 9 Uhr sattelten wir die Räder, kontrollierten die Bremsen, und los ging es. Der erste Abschnitt führte uns in Richtung Westen, hinein in den Darßer Wald, eine fast mystisch wirkende Landschaft aus alten Bäumen, umgestürzten Stämmen und dem Duft nach feuchtem Holz und Salzluft.
Die Wege waren schmal, aber gut befahrbar. Ab und zu kreuzten Spaziergänger unseren Pfad oder ein Reh blitzte zwischen den Bäumen auf. Der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft zeigte sich in seinem frühstücklichen Kleid: ruhig, verträumt, voller Lichtspiele. Der Weg führte uns Richtung „Darßer Ort“, eine der markantesten Ecken des Nationalparks. Wir legten eine Pause ein, bestiegen den kleinen Leuchtturm, der einen fantastischen Blick über die Westküste des Darßes und das wilde Meer bot.
Entlang der Steilküste nach Wiek
Nach einer kurzen Rast setzten wir die Fahrt fort, diesmal entlang der wilderen Nordwestküste. Hier änderte sich die Atmosphäre: Der Wind wurde rauer, die Wellen höher, und die Landschaft karger. Das Radfahren war anstrengender, nicht nur wegen des Windes, sondern auch wegen des wechselnden Untergrunds. Mal war es fester Sand, dann wieder feiner Kies oder schmaler Waldweg.
Doch jede Mühe wurde belohnt: Hinter jeder Biegung bot sich ein neuer Anblick. Steil abfallende Klippen, schäumende Brandung, einsame Buchten. Die Vogelwelt war präsent: Kormorane trockneten ihre Flügel, Möwen kreischten und ein Seeadler zog seine Bahn.
Am frühen Mittag erreichten wir den kleinen Ort Wiek, ein stilles Fleckchen mit kaum mehr als ein paar reetgedeckten Häusern und einem winzigen Hafen. Zeit für eine ausgiebige Mittagspause. In einem Gasthof, der wie aus der Zeit gefallen wirkte, gab es frischen Fisch, Kartoffeln und ein kühles Bier. Wir saßen unter einer alten Kastanie, die Sonne stand hoch und warf flackernde Schatten auf den Holztisch.
Zwischen Bodden und Schilf: Zurück nach Born
Der Weg zurück nach Born verlief entlang des Bodden, durch eine Landschaft, die flach und weit war. Schilf, so hoch wie ein Mensch, begleitete uns streckenweise, dazwischen immer wieder Blicke über das glitzernde Wasser. Es war ruhiger hier, geschützter als auf der wilden Küstenseite. Die Hitze des Nachmittags legte sich wie ein seidener Schleier über die Felder.
Wir hielten an einem Beobachtungsturm, um Ausschau nach Kranichen zu halten. Und tatsächlich: In der Ferne sahen wir einen kleinen Trupp in den seichten Uferzonen des Boddens. Still standen sie dort, als wären sie aus Stein. Ein magischer Moment.
Der letzte Abschnitt nach Born führte durch offene Wiesen, durchzogen von kleinen Wegen und stillen Birkenhainen. Die Schatten wurden länger, das Licht goldener. Unsere Beine wurden schwer, aber unsere Herzen waren leicht. Kurz vor 18 Uhr erreichten wir unser Quartier – eine kleine Pension mit Blick auf den Bodden.
Abendstimmung in Born
Nach einer Dusche und einem kurzen Nickerchen zogen wir noch einmal los, zu Fuß diesmal. Der Abend in Born hatte etwas Friedliches. Ein leichter Wind kam auf, das Licht spiegelte sich in der Wasseroberfläche, und von irgendwoher klang das dumpfe Tuckern eines alten Bootsmotors.
Wir setzten uns auf eine der Holzbänke am Ufer. Keine Worte waren nötig. Die Landschaft sprach für sich. Der Himmel war offen, weit, und zeigte feine Schlieren aus Rosa, Orange und Blau. Ein Reiher stakste durch das flache Wasser, als sei er allein auf der Welt.
Zum Abendessen kehrten wir in das kleine Restaurant neben dem Hafen ein. Fischsuppe, gebratene Zanderfilets, ein Glas Weißwein. Das Gespräch drehte sich um den Tag, um das, was wir gesehen hatten, und um das, was noch kommen sollte.
Fazit von Tag 3
Die Etappe von Prerow über Wiek nach Born war wohl die vielseitigste unserer gesamten Tour. Sie zeigte den Darß in all seinen Facetten: wild und rau, sanft und still, voller Licht und Kontraste. Die Strecke war fordernd, aber nie überfordernd. Sie schenkte uns tiefe Naturmomente, gute Gespräche und das wunderbare Gefühl, ein kleines Abenteuer erlebt zu haben.
Wenn man abends mit müden Beinen ins Bett fällt und das Glück bis in die Zehenspitzen spürt, dann war es ein guter Tag.
