Bittere Kräuter am Viktualienmarkt – Teil 2
Kapitel 1: Der bittere Nachgeschmack
Die Morgensonne kämpfte sich mühsam durch die Turmspitzen der Frauenkirche und warf lange, schiefe Schatten auf das Kopfsteinpflaster des Viktualienmarktes. Es war die Zeit, in der München noch gähnte, die Zeit der Lieferwagen und der ersten Kaffeebecher.
Josef Brandner stand am Standl der „Kräuter-Liesl“. Er starrte nicht auf die Petersilie, sondern auf einen Mann im maßgeschneiderten grauen Anzug, der mit dem Gesicht in einem Korb voller Bio-Rettiche lag. Sein linkes Bein zuckte noch einmal kurz, dann war es still.
„Das war kein Herzinfarkt, Lukas. Schau dir die Lippen an. Die sind bläulich, fast wie bei unserem Surfer, aber dunkler“, brummte Brandner. Er zog seine Pfeife aus der Tasche, ließ sie aber aus Respekt vor dem Toten unangezündet.
Lukas Schmidt kniete bereits daneben, das Tablet wie einen Schutzschild vor sich hertragend. „Das ist Dr. Valentin von Zitzewitz, Chef. Prominenter Restauranttester und Kritiker. Wenn der eine schlechte Bewertung geschrieben hat, konnten die Wirte in der Maximilianstraße zusperren.“
Die erste Spur
Brandner hob einen Plastikbecher auf, der neben dem Toten am Boden lag. Ein Rest grüner Flüssigkeit klebte am Boden. „Ein Smoothie. Wer trinkt denn sowas Freiwilliges zum Frühstück?“
„Zitzewitz war auf dem Gesundheits-Trip“, sagte Lukas, während er ein Foto des Bechers machte. „Er hat jeden Morgen hier am Markt seinen ‚Green Power Mix‘ getrunken. Standl 14, ‚Garten-Glück‘.“
Brandner blickte zum Standl 14 hinüber. Die Besitzerin, eine Frau Mitte fünfzig mit Händen, die aussahen, als hätten sie jeden Baum im Umland selbst gepflanzt, starrte fassungslos herüber. Ihr Gesicht war weißer als der Rettich im Korb.
„Geh rüber, Lukas. Frag sie nach der Rezeptur. Und lass dir die Liste der heutigen Kunden geben“, befahl Brandner. „Ich schau mir mal die Taschen von unserem Feinschmecker an.“
Ein gefährliches Souvenir
Brandner zog einen Latexhandschuh an und tastete die Innentasche des Sakkos ab. Er förderte ein kleines, handgeschriebenes Notizbuch zutage. Die letzte Eintragung war von gestern Abend: „Die bittere Wurzel gefunden. Morgen wird abgerechnet.“
„Bittere Wurzel“, murmelte Brandner. Er kannte den Markt wie seine Westentasche. Er wusste, dass hier nicht nur Gemüse verkauft wurde, sondern auch Klatsch, Tratsch und manchmal Dinge, die nicht auf dem Preisschild standen.
„Chef!“, rief Lukas aufgeregt. Er kam vom Standl zurück. „Die Frau sagt, sie habe heute Morgen eine neue Lieferung Eisenhut-Wurzeln bekommen – fälschlicherweise als Liebstöckel deklariert. Sie hat es erst gemerkt, als Zitzewitz schon weg war.“
Brandner sah Lukas scharf an. „Eisenhut? Aconitum. Das stärkste Pflanzengift Europas. Zwei Milligramm reichen für einen Erwachsenen.“
„Sie sagt, der Lieferant war neu“, fuhr Lukas fort. „Ein Bio-Hof aus dem Dachauer Hinterland. Aber ich habe gerade die Handelsregister-Daten abgefragt. Den Hof gibt es gar nicht.“
Der Verdacht erhärtet sich
Brandner erhob sich mühsam. Er spürte sein Knie, ein vertrauter Schmerz bei Wetterumschwüngen. „Also kein Versehen, Lukas. Das war eine gezielte Hinrichtung. Jemand wusste genau, dass Zitzewitz hier seinen Smoothie trinkt und dass die Kräuterfrau ihre Ware nicht immer sofort prüft.“
Er blickte über den Markt. Die ersten Touristen drängten sich bereits um den Maibaum, ahnungslos, dass zwischen den Delikatessen der Tod lauerte.
„Lukas, fahr ins Labor. Ich will wissen, ob in diesem Smoothie wirklich Eisenhut war oder ob uns jemand auf eine falsche Fährte locken will. Ich besuche derweil einen alten Spezi von mir in der Schrannenhalle. Wenn Zitzewitz jemanden erpresst hat, dann weiß mein Spezi davon.“
Lukas nickte. „Und Chef? Passen Sie auf sich auf. Wenn der Mörder mit Pflanzengiften arbeitet, ist er kein Amateur.“
Brandner grinste schief. „Schau mich an, Lukas. Ich bin so alt, mich will selbst das Gift nicht mehr. Aber nimm du dein Tablet mit – vielleicht findet das Ding ja raus, warum ein Restauranttester ‚abrechnen‘ wollte.“
Kapitel 2: Weißwurst-Etikette und Spurensuche
Lukas Schmidt saß im provisorischen Laborwagen des LKA, der direkt hinter der Schrannenhalle parkte. Das blaue Licht der Monitore spiegelte sich in seiner Brille. Er liebte diese Momente, wenn Daten zu Mustern wurden.
„Chef, hören Sie das?“, fragte Lukas über Funk, während er eine Datei nach der anderen öffnete.
„Ich hör nur das Geplärre der Touristen und das Klappern von Maßkrügen, Lukas“, antwortete Brandner, der gerade bei seinem Spezi, dem ‚Käse-Willi‘, an einem Stehtisch lehnte. „Was hast du?“
„Der Bio-Hof ‚Dachauer Moosgrün‘. Die Website ist eine perfekte Fälschung. Die Bilder der glücklichen Kühe stammen aus einer Bilddatenbank in Neuseeland. Und die IP-Adresse der Registrierung führt uns zu einem Server in Panama. Aber das Beste: Die Lieferbestellung für den Eisenhut wurde über einen gehackten Account der Markthalle aufgegeben. Der Täter wusste genau, wann die Kräuter-Liesl ihre Bestellung erwartet.“
Brandner biss in ein Stück Bergkäse. „Also kein Gelegenheitsmörder. Das ist jemand, der das System hier kennt. Willi sagt mir gerade, dass Zitzewitz gestern Abend nicht nur hier war, um Kräuter zu kaufen. Er hatte einen lautstarken Streit mit dem Besitzer des neuen Delikatessen-Standls ‚Viktualia Modern‘.“
Der neue Nachbar
Brandner schlurfte hinüber zu Standl 22. Es war modern, minimalistisch, viel Glas und Edelstahl – ein Fremdkörper zwischen den rustikalen Holzhütten. Der Besitzer, ein Mann namens Korbinian Wallner, polierte gerade eine Flasche Trüffelöl, als Brandner seine Marke auf den Tresen legte.
„Hauptkommissar Brandner. Wir ermitteln im Todesfall Zitzewitz.“
Wallner erstarrte mitten in der Bewegung. Er war jung, trug einen akkurat gestutzten Bart und ein Hemd, das mehr kostete als Brandners gesamtes Monatsbudget für Pfeifentabak. „Ein Jammer. Wirklich. Aber was habe ich damit zu tun?“
„Man sagt, Sie und der Herr Doktor hatten gestern eine… sagen wir… lebhafte Unterhaltung?“, fragte Brandner und ließ seinen Blick über die Regale schweifen. „Ging es um Ihre Pacht? Oder vielleicht um das, was Zitzewitz in seinem Notizbuch ‚die bittere Wurzel‘ nannte?“
Wallners Gesichtszüge entgleisten für den Bruchteil einer Sekunde. „Zitzewitz war ein Erpresser, Herr Kommissar. Er hat behauptet, mein Trüffelöl sei gestreckt und meine Gänseleber käme aus Massenhaltung in Ungarn. Er wollte Geld dafür, dass er keinen vernichtenden Artikel schreibt.“
Ein digitaler Giftpfeil
In diesem Moment tauchte Lukas neben Brandner auf. Er wirkte blass. „Chef, kommen Sie mal kurz mit.“
Sie traten ein paar Schritte beiseite. Lukas hielt Brandner das Tablet unter die Nase. „Ich habe Zitzewitz’ Cloud-Speicher geknackt. Er hatte Fotos. Aber nicht von Trüffelöl. Er hat Wallner dabei fotografiert, wie er sich nachts mit einem Mann hinter der Großmarkthalle getroffen hat. Und wissen Sie, wer das ist?“
Lukas zoomte in das Bild. Ein untersetzter Mann mit einer Narbe über der Augenbraue.
„Das ist ‚Schlächter-Berti‘“, brummte Brandner. „Eigentlich Albert Moosbacher. Er saß fünf Jahre wegen illegalem Fleischhandel und Urkundenfälschung. Er ist der König der Hinterhof-Metzgereien.“
„Zitzewitz wollte nicht nur Geld“, kombinierte Lukas. „Er wollte das ganze Netzwerk auffliegen lassen. Er hat Wallner als das gesehen, was er ist: Eine hübsch verpackte Fassade für Gammelfleisch und Lebensmittelbetrug.“
Die bittere Erkenntnis
Brandner sah zurück zu Wallner, der nun hektisch auf seinem Handy tippte. „Lukas, wenn Zitzewitz die ‚bittere Wurzel‘ gefunden hat, dann meinte er nicht den Eisenhut im Smoothie. Er meinte die Quelle des Übels. Die Wurzel, die den ganzen Viktualienmarkt vergiften könnte, wenn das rauskommt.“
Plötzlich fegte eine Windböe über den Markt und riss eine Plane an Wallners Standl los. Darunter kamen mehrere Kisten zum Vorschein, die eigentlich schon abtransportiert sein sollten.
„Schau dir das an“, sagte Brandner und deutete auf die Kisten. Sie waren mit einem blauen Logo markiert. Einem Logo, das Lukas nur zu bekannt vorkam.
„Das ist das gleiche Zeichen wie bei den Gift-Containern vom Bio-Hof-Fake“, flüsterte Lukas.
„Wallner ist nur der Laufbursche“, sagte Brandner und legte seine Hand an seine Dienstwaffe unter dem Lodenmantel. „Lukas, ruf die Verstärkung. Wir fahren zur Großmarkthalle. Wenn wir Glück haben, treffen wir dort auf die bittere Wurzel persönlich.“
Doch bevor Lukas wählen konnte, hörten sie das Quietschen von Reifen. Ein Lieferwagen raste durch die engen Gassen des Marktes, direkt auf sie zu.
Kapitel 3: Das Erbe der Marktfrau
Der weiße Lieferwagen schoss mit jaulendem Motor über das Kopfsteinpflaster. Lukas Schmidt riss Brandner im letzten Moment zur Seite, direkt hinter den massiven Brunnen des Karl Valentin. Metall schrammte über Stein, Funken sprühten, und der Wagen raste mit offen stehender Hecktür davon, während Kisten voller Fleischersatzprodukte auf den Boden knallten.
„Alles okay, Chef?“, keuchte Lukas und half dem älteren Mann auf.
Brandner fluchte auf eine Weise, die selbst einen altgedienten Kutscher erröten ließe. Er klopfte sich den Dreck vom Lodenmantel und starrte dem verschwindenden Wagen hinterher. „Der Lackaffe von Standl 22 ist weg, Lukas. Und sein Chauffeur hat gerade versucht, uns zu Geschnetzeltem zu verarbeiten.“
Lukas blickte auf die am Boden liegenden Kisten. Er bückte sich und riss eine Packung auf. „Das ist es, Chef. Schauen Sie mal. ‚Premium-Bio-Rind‘ steht drauf. Aber das hier drin… das ist kein Rind. Das riecht nach… Chemie und altem Fett.“
„Das ist die bittere Wurzel“, sagte Brandner grimmig. „Etikettenschwindel im ganz großen Stil. Und Zitzewitz hat es herausgefunden. Wahrscheinlich hat er nicht nur Wallner erpresst, sondern das gesamte Syndikat dahinter.“
Die Spur zur Großmarkthalle
Sie nahmen den alten BMW. Während Lukas über sein Tablet die Halterdaten des Fluchtwagens abfragte, steuerte Brandner den Wagen Richtung Sendling, wo die gigantischen Hallen der Großmarkthalle wie schlafende Wale im Stadtbild lagen.
„Der Wagen ist auf eine Firma namens ‚Bavaria Global Food‘ zugelassen“, berichtete Lukas. „Geschäftsführer ist ein gewisser Albert Moosbacher – unser ‚Schlächter-Berti‘. Aber es gibt eine stille Teilhaberin: Eine Maria Thalhammer. Der Name sagt mir nichts.“
Brandner trat hart auf die Bremse, als sie vor dem verschlossenen Tor der Halle 10 hielten. „Maria Thalhammer. Die ‚Eiserne Maria‘. Ihr gehörte früher die halbe Metzgerzeile am Markt. Sie wurde vor Jahren wegen unsauberer Geschäfte verdrängt. Sie hat wohl nie vergessen, wer sie damals verraten hat.“
„Zitzewitz?“, fragte Lukas.
„Zitzewitz war damals der Kronzeuge der Stadtverwaltung“, antwortete Brandner. „Er hat ihren Ruin besiegelt. Wenn sie jetzt zurück ist, dann ist das kein Geschäft – das ist ein Rachefeldzug.“
In der Höhle des Löwen
Die Halle 10 war dunkel und roch nach Kälte und Verwesung. Das Licht der Taschenlampen tanzte über endlose Reihen von Fleischhaken, die wie Skelettfinger von der Decke hingen.
„Bleib dicht bei mir, Lukas“, flüsterte Brandner. „Hier drin hört dich keiner schreien, wenn die Kühlgebläse laufen.“
Sie schlichen tiefer in die Halle, vorbei an Paletten mit gefälschten Bio-Siegeln und Kanistern mit Chemikalien, die Fleisch wieder frisch aussehen ließen. Plötzlich hörten sie Stimmen aus einem verglasten Büro am Ende der Halle.
„… der Bulle hat das Notizbuch! Wenn das ans Licht kommt, Albert, dann hängen wir alle!“, schrie eine Frauenstimme. Es war Maria Thalhammer. Sie klang wie zerbrochenes Glas.
„Zitzewitz ist tot, Maria. Das Gift hat funktioniert. Wallner ist auf dem Weg zur Grenze. Wir müssen nur noch die Unterlagen im Keller vernichten“, antwortete eine tiefe, raue Stimme – Schlächter-Berti.
Die Falle schnappt zu
Lukas wollte gerade seine Dienstwaffe ziehen, als er über eine leere Plastikwanne stolperte. Das Geräusch hallte wie ein Schuss durch die leere Halle.
„Wer ist da?“, brüllte Berti.
„Polizei! Hände hoch!“, rief Lukas und trat ins Licht, das Tablet im Anschlag, als könnte er den Mörder damit scannen.
Doch Berti dachte nicht ans Aufgeben. Er riss eine schwere Kette los, die ein Förderband hielt. Mit einem metallischen Kreischen stürzten hunderte Kilo gefrorenes Fleisch von der Decke, direkt zwischen Lukas und den Ausgang.
„Lukas! Pass auf!“, brüllte Brandner. Er feuerte einen Warnschuss in die Decke, doch Schlächter-Berti und Maria Thalhammer verschwanden bereits durch eine Falltür im Boden der Bürostation.
Brandner rannte so schnell seine Knie es zuließen zu Lukas, der unter einem Berg von Plastikkisten begraben war. „Bist du ganz, Junge?“
„Nur mein Tablet… der Bildschirm ist gerissen“, stammelte Lukas und hielt das flackernde Gerät hoch. „Aber ich hab sie gehört, Chef. Den Keller. Sie wollen die Beweise vernichten. Die ganze Buchhaltung über das Eisenhut-Gift und die gefälschten Zertifikate.“
Brandner sah auf die Falltür. „Das ist das alte Tunnelsystem unter dem Großmarkt. Es führt direkt zu den Entsorgungsanlagen. Wenn sie dort ankommen, verbrennen sie die Beweise – und uns gleich mit.“
Kapitel 4: Das Labyrinth der Lügen
Die Luft im Tunnel unter der Halle 10 war schwer und roch nach abgestandenem Ammoniak und altem Eisen. Brandner und Schmidt stiegen die rostige Leiter der Falltür hinunter. Ihre Taschenlampen schnitten nervöse Lichtkegel in die Finsternis.
„Das hier sind die alten Versorgungswege aus den 50er Jahren, Lukas“, flüsterte Brandner. „Die führen direkt unter dem gesamten Großmarktgelände hindurch bis zum Heizkraftwerk Süd. Wenn sie dort die Unterlagen in den Ofen werfen, finden wir nicht mal mehr die Asche ihrer Sünden.“
Lukas hielt sein Tablet hoch, dessen Bildschirm zwar gesplittert war, aber noch ein schwaches Leuchten von sich gab. „Ich habe noch GPS-Empfang, Chef. Ganz schwach. Ich sehe zwei Wärmesignaturen, die sich etwa fünfzig Meter vor uns bewegen. Sie sind schnell.“
Die Geister der Vergangenheit
Sie rannten geduckt durch den Tunnel. Das Wasser tropfte von der Decke und bildete schmierige Pfützen auf dem Beton. Plötzlich hallte ein Schuss durch das Gewölbe. Der Knall war ohrenbetäubend, die Kugel prallte von einer Wasserleitung ab und jaulte wie ein getroffener Hund durch die Finsternis.
„In Deckung!“, riss Brandner Lukas hinter einen massiven Betonpfeiler.
„Brandner!“, schallte die Stimme von Maria Thalhammer durch den Gang. Sie klang verzerrt, fast wahnsinnig. „Glaubst du wirklich, du kannst mich nochmal vernichten? Du hast mir mein Leben am Markt genommen, meinen Ruf, alles! Diesmal wirst du derjenige sein, der im Dreck endet!“
Brandner atmete schwer. Er spürte sein Herz gegen die Rippen hämmern. „Maria, gib auf! Zitzewitz ist tot, das bringt dir dein Standl auch nicht zurück! Du vergiftest die ganze Stadt mit deinem Gammelfleisch und deinem Eisenhut!“
„Ich verkaufe den Leuten das, was sie verdienen!“, schrie sie zurück. „Billigen Luxus für billige Menschen!“
Der digitale Gegenschlag
Lukas flüsterte Brandner zu: „Chef, ich kann die Belüftungssteuerung der Tunnel hacken. Wenn ich die Ventilatoren auf volle Leistung schalte und die Brandschutzklappen schließe, sitzen sie in der Falle. Aber ich brauche zwei Minuten.“
„Ich gebe dir die Zeit, Lukas. Mach dein Ding“, sagte Brandner. Er löste seine Krawatte – ein seltenes Ereignis – und wickelte sie um seine Handfläche. Er feuerte einen gezielten Schuss in die Gegenrichtung ab, um ihre Aufmerksamkeit von Lukas abzulenken.
Schlächter-Berti antwortete mit einer Salve aus einer Automatikpistole. Betonstaub rieselte von der Decke.
Währenddessen tippte Lukas wie besessen auf dem defekten Touchscreen. Er fluchte leise, als das Bild flackerte, doch dann leuchtete ein grüner Punkt auf. „Hab’s! Systemübernahme läuft… Jetzt!“
Ein tiefes Grollen ging durch den Boden. Die gewaltigen Belüftungsturbinen des Großmarkts sprangen an. Ein Orkan aus kalter Luft fegte durch den Tunnel, riss Maria Thalhammer fast von den Füßen und wirbelte die Dokumente, die Berti in der Hand hielt, wie Konfetti durch die Luft.
Die bittere Abrechnung
Im flackernden Notlicht sah Brandner, wie Berti versuchte, die Papiere einzusammeln, während Maria wild um sich schoss.
„Jetzt, Lukas!“, brüllte Brandner.
Sie stürmten vor. Brandner nutzte die Verwirrung des Sturms. Er tauchte unter Bertis nächstem Schuss weg und rammte dem Koloss seinen massiven Körper in die Seite. Der Schlächter taumelte und schlug mit dem Kopf gegen ein Ventilrad. Er sackte lautlos zusammen.
Maria Thalhammer stand allein da. Die Waffe in ihrer zitternden Hand war leer geschossen. Sie starrte auf die am Boden verstreuten Zertifikate und Rechnungen – die Beweise für das Gift und den Lebensmittelbetrug.
„Es ist vorbei, Maria“, sagte Brandner ruhig und trat aus dem Schatten. „Zitzewitz hatte recht. Die bittere Wurzel muss ausgegraben werden. Und das bist du.“
Maria sah ihn an. In ihren Augen lag kein Reuegefühl, nur brennender Zorn. „Du verstehst das nicht, Josef. Der Markt… der Markt ist eine Bestie. Er frisst dich auf, wenn du nicht zubeißt.“
„Mag sein“, sagte Brandner und legte ihr die Handschellen an. „Aber ich bevorzuge meine Weißwurst ohne Beigeschmack von Mord.“
Der Ausklang
Als sie eine Stunde später wieder an der Oberfläche standen, war die Nacht fast vorbei. Die ersten Lkw lieferten bereits wieder frische Ware an die Großmarkthalle.
Lukas hielt sein zerstörtes Tablet fest. „Chef, die Daten sind gesichert. Das gesamte Netzwerk von Bavaria Global Food ist aufgeflogen. Wallner wurde an der Grenze gefasst.“
Brandner zündete sich zum ersten Mal an diesem Tag seine Pfeife an. Der würzige Rauch vermischte sich mit der kühlen Morgenluft. „Gut gemacht, Lukas. Aber wissen Sie, was das Schlimmste an diesem Fall ist?“
„Dass der Eisenhut so schwer nachzuweisen war?“, fragte Lukas.
„Nein“, brummte Brandner und sah Richtung Viktualienmarkt. „Dass ich ab morgen mein Frühstücksei wieder selbst kochen muss. Der Kräuter-Liesl traue ich erst mal nicht mehr über den Weg.“
Lukas lachte. „Kommen Sie, Chef. Ich lade Sie auf ein Frühstück ein. Aber diesmal… nehmen wir den Kaffee vom Dallmayr. Ohne grüne Smoothies.“
Kapitel 5: Das Gift im Rathaus
Der Morgen nach dem Zugriff in den Tunneln der Großmarkthalle war von einem unnatürlich strahlenden Blau. Im Polizeipräsidium an der Ettstraße herrschte Hochbetrieb. Brandner saß an seinem massiven Schreibtisch, der unter Bergen von Papier und leeren Kaffeetassen zu ächzen schien. Er starrte auf das Geständnis von Korbinian Wallner, das gerade per Fax aus der Grenzstation eingetroffen war.
„Der Junge singt wie ein Kanarienvogel, Lukas“, sagte Brandner, ohne den Blick vom Papier zu wenden. „Aber er sagt, er hätte Maria Thalhammer nie direkt getroffen. Die Anweisungen kamen über einen Mittelsmann. Ein gewisser ‚Lukas‘. Nein, nicht Sie, Lukas – ein anderer.“
Lukas Schmidt, der mit einem provisorischen Leih-Tablet an seinem Platz saß, blickte auf. „Chef, ich habe mir die versiegelten E-Mails von Maria Thalhammer angesehen. Sie hatte Kontakt zu einem hochrangigen Beamten im Referat für Stadtplanung und Bauordnung. Es geht nicht nur um Gammelfleisch. Es geht um die Neugestaltung des Viktualienmarktes.“
Das Projekt „Marktplatz 2030“
Lukas schob sein Tablet über den Tisch. Auf dem Bildschirm war ein eleganter Entwurf zu sehen: Glasfassaden, Lounges, exklusive Boutique-Standl.
„Lengenfeldt lässt grüßen“, murmelte Brandner und rieb sich die müden Augen. „Wieder so ein Projekt, das das Herz der Stadt durch ein Portemonnaie ersetzen will.“
„Genau“, bestätigte Lukas. „Maria Thalhammer sollte die ‚unbequemen‘ alten Standlbesitzer diskreditieren. Wenn am Viktualienmarkt eine Vergiftungswelle oder ein handfester Lebensmittelskandal ausbricht, sinken die Pachtpreise, und die Stadt hat einen Grund, die Lizenzen neu zu vergeben. An Investoren, die bereit sind, das ‚Große Ganze‘ zu finanzieren.“
„Und Valentin von Zitzewitz?“, fragte Brandner.
„Er hat es herausgefunden. Er war nicht der korrupte Erpresser, als den ihn Wallner darstellen wollte. Er wollte die Hintermänner bloßstellen. Er hatte Dokumente, die beweisen, dass die Eisenhut-Lieferung von einer Firma beauftragt wurde, die direkt mit dem Stadtplanungsreferat verbunden ist.“
Ein Besuch im Rathaus
Brandner erhob sich. „Dann wird es Zeit, dass wir uns den Prachtbau am Marienplatz mal von innen anschauen. Und zwar nicht als Touristen.“
Sie fuhren mit der Tram zum Marienplatz. Das Glockenspiel schlug gerade elf Uhr, als sie die imposante Treppe des Neuen Rathauses hinaufstiegen. Ihr Ziel war das Büro von Ministerialrat Dr. Henckels, dem Leiter der Planungskommission.
Henckels war ein Mann, dessen Haar so glatt war wie seine Ausreden. Er empfing sie mit einem gönnerhaften Lächeln. „Kommissar Brandner, Herr Schmidt. Was kann ich für die Helden der Großmarkthalle tun? Ein beeindruckender Fang gestern Nacht.“
„Wir sind hier wegen einer Wurzel, Herr Doktor“, sagte Brandner und setzte sich, ohne aufgefordert zu werden. „Einer bitteren Wurzel. Wir haben uns gefragt, warum ein Beamter Ihres Ranges so regen Mailverkehr mit einer Frau wie Maria Thalhammer pflegt.“
Henckels’ Lächeln blieb fixiert, doch seine Augen wurden schmal. „Frau Thalhammer ist eine angesehene, wenn auch ehemals umstrittene Unternehmerin. Wir beraten uns mit vielen Akteuren über die Zukunft des Marktes.“
„Beraten Sie sich auch über die Dosierung von Eisenhut im Smoothie eines Kritikers?“, warf Lukas ein und hielt Henckels einen Ausdruck der sichergestellten E-Mails hin.
Die Maske fällt
Henckels warf einen flüchtigen Blick auf das Papier. „Das beweist gar nichts. Das sind gefälschte Daten. Mein System ist sicher.“
„Ihr System vielleicht“, sagte Lukas ruhig. „Aber das Handy von Schlächter-Berti nicht. Er hat alle Anrufe aufgezeichnet. Wir haben Ihre Stimme, Dr. Henckels. Sie haben den Befehl gegeben, Zitzewitz ‚aus dem Verkehr zu ziehen‘, bevor er die Unterlagen dem Oberbürgermeister übergeben konnte.“
Henckels wurde aschfahl. Er griff nach dem Telefon auf seinem Schreibtisch, doch Brandner legte seine schwere Hand auf seinen Arm.
„Lassen Sie das, Herr Doktor. Das Spiel ist aus. In München sagt man: Wer anderen eine Grube gräbt, sollte aufpassen, dass er nicht im eigenen Fundament einbetoniert wird.“
Ein gefährlicher Nachhall
Während sie Henckels aus dem Rathaus führten – unauffällig durch einen Seitenausgang, um keinen Presserummel zu verursachen – bemerkte Lukas einen schwarzen Wagen, der am Marienplatz wartete. Als die Polizisten mit dem Verhafteten erschienen, gab der Wagen Gas und verschwand in den Gassen Richtung Tal.
„Chef, da hat uns jemand beobachtet“, sagte Lukas alarmiert.
„Das war noch nicht alles, Lukas“, brummte Brandner und sah dem Wagen hinterher. „Henckels war der Kopf im Rathaus, aber das Geld für diesen Wahnsinn kam von woanders. Jemand hat Maria Thalhammer finanziert. Jemand, der noch mächtiger ist als ein Ministerialrat.“
Brandner sah auf seine Uhr. „Es ist Mittag. Der Viktualienmarkt ist voll. Lukas, wir müssen zurück. Wenn Henckels festgenommen ist, wird sein Partner versuchen, die letzten Spuren zu beseitigen. Und die einzige Spur, die noch übrig ist…“
„… ist die Kräuter-Liesl“, vervollständigte Lukas den Satz. „Sie ist die einzige Zeugin, die bezeugen kann, dass der Eisenhut als ‚Liebstöckel‘ getarnt direkt von einer offiziellen städtischen Lieferadresse kam.“
Kapitel 6: Das Finale am Maibaum
Der Viktualienmarkt summte wie ein aufgeschreckter Bienenstock. Es war kurz nach eins, die Mittagssonne brannte auf das Kopfsteinpflaster, und der Geruch von Schmalzgebackenem und frischem Majoran hing schwer in der Luft. Touristen drängten sich mit Weißwürsten in der Hand an den Stehtischen, während Einheimische mit ihren gefüllten Körben Slalom liefen.
Brandner und Schmidt hasteten durch die Menge. Brandners Knie protestierte bei jedem Schritt, aber er ignorierte es. Sein Blick war starr auf Standl 14 gerichtet – das „Garten-Glück“.
„Da!“, rief Lukas und deutete mit dem Finger an den Passanten vorbei.
Ein Mann in einer unauffälligen Windjacke stand am Tresen der Kräuter-Liesl. Er hielt ihr ein Klemmbrett hin, als wäre er ein Lieferant oder ein Kontrolleur vom Amt. Doch Brandner sah das Blitzen von Metall in der anderen Hand, die er unter der Theke hielt.
Der stumme Angriff
„Lukas, rechts rum! Schneid ihm den Weg ab!“, befahl Brandner.
Er selbst stürmte direkt auf das Standl zu. „Liesl! Weg da!“, brüllte er über den Lärm hinweg.
Die Marktfrau schaute erschrocken auf. In diesem Moment ließ der Mann in der Windjacke die Tarnung fallen. Er war nicht gekommen, um zu reden. Er riss eine kleine Spritze hervor – gefüllt mit einer klaren, hochkonzentrierten Flüssigkeit. Eisenhut-Extrakt. Ein einziger Stich in den Arm der Zeugin, und das Verfahren gegen die Hintermänner wäre mit ihrem Herzstillstand beendet gewesen.
Brandner warf sich mit seinem ganzen Gewicht gegen den Tresen. Kisten mit Radieschen und Schnittlauch flogen durch die Luft. Der Angreifer taumelte, die Spritze schrammte am Arm der schreienden Liesl vorbei und entleerte sich harmlos in einen Sack Blumenerde.
„Polizei! Stehen bleiben!“, rief Lukas, der nun von der anderen Seite auftauchte und seine Dienstwaffe zog.
Flucht durch die Massen
Der Killer war kein Amateur. Er nutzte die Panik der umstehenden Touristen als Deckung, stieß eine Gruppe japanischer Besucher beiseite und rannte Richtung Maibaum.
„Nicht schießen, Lukas! Zu viele Leute!“, rief Brandner und rappelte sich mühsam auf.
Der Flüchtende steuerte auf einen schwarzen Oberklassewagen zu, der mit laufendem Motor am Rande des Marktes wartete. Es war derselbe Wagen, den sie am Rathaus gesehen hatten. Doch bevor der Killer die Tür erreichen konnte, geschah etwas, mit dem er nicht gerechnet hatte.
Die Marktleute – die Metzger, die Bäcker und die Gemüsefrauen –, die Brandner seit Jahrzehnten kannten und schätzten, hatten die Situation verstanden. Der „Käse-Willi“ schob geistesgegenwärtig einen schweren Rollwagen mit Käselaiben in den Weg. Der Killer stolperte, und im nächsten Moment war er unter einem Berg von kräftigen Marktfrauen begraben, die ihn mit der Entschlossenheit bayerischer Amazonen am Boden hielten.
Die bittere Wahrheit
Brandner kam keuchend am Wagen an. Er riss die Hintertür auf. Drinnen saß ein Mann, den er nur aus den Wirtschaftsseiten der Zeitung kannte: Maximilian von der Tann, der Chef eines großen Immobilienkonsortiums.
„Herr von der Tann“, keuchte Brandner und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Ich schätze, Ihr Termin zur Markterweiterung fällt heute aus.“
Von der Tann starrte ihn kühl an. „Sie haben keine Beweise, Kommissar. Das ist alles nur die Tat eines verwirrten Einzeltäters.“
Lukas trat ans Fenster und hielt sein Tablet hoch. „Eigentlich haben wir alles. Wir haben die Finanzströme von Ihrer Briefkastenfirma zu Maria Thalhammer zurückverfolgt. Und Dr. Henckels im Rathaus hat bereits ausgesagt. Er hat keine Lust, allein für Ihren ‚Marktplatz 2030‘ in den Knast zu gehen.“
Der Ausklang am Abend
Später am Abend, als die Spurensicherung abgezogen war und der Markt langsam zur Ruhe kam, saßen Brandner und Schmidt am Brunnen des Karl Valentin. Die Stadt lüftete aus.
Brandner hielt zwei Gläser kühles Mineralwasser in der Hand. Er reichte Lukas eines.
„Kein Bier, Chef?“, fragte Lukas überrascht.
„Nach so viel Gift und Galle heute… tut ein bisserl Reinheit ganz gut“, sagte Brandner und sah zum Maibaum hoch. „Wissen Sie, Lukas, diese Leute dachten, sie könnten die Stadt vergiften und dann auf den Gräbern Luxuswohnungen bauen. Aber München ist zäh. Die Wurzeln hier sind tiefer, als die Herren in ihren Glastürmen glauben.“
Lukas nickte und sah auf sein nun völlig zerstörtes Tablet. „Wir haben den Fall gelöst, Chef. Aber mein Tablet ist Schrott. Schon wieder.“
Brandner lachte, ein seltenes, tiefes Geräusch. „Wissen Sie was, Lukas? Ich kauf Ihnen ein neues. Aber nur unter einer Bedingung.“
„Und die wäre?“
„Dass Sie darauf eine App installieren, die mir anzeigt, wo man in dieser Stadt noch eine Weißwurst essen kann, ohne dass ein Immobilienmakler daneben sitzt.“
Lukas grinste. „Abgemacht, Chef. Abgemacht.“
