Der Eisbach-Blues – Teil 1
Kapitel 1: Der Grant und der Glanz
Josef Brandner liebte das Schweigen des frühen Morgens, bevor die Stadt ihren blechernen Atem ausstieß. Er saß in seinem Stammcafé im Lehel, die „Abendzeitung“ vor sich ausgebreitet, ein Haferl Kaffee in der Hand. Der Geruch von frischen Brezen war das Einzige, was die Welt für ihn noch in Ordnung hielt.
Sein Handy vibrierte auf dem Marmortisch. Ein moderner Störenfried. „Brandner“, brummte er. „Chef, wir haben was. Eisbach. Direkt am Durchlass“, kam die Stimme von Lukas Schmidt. Sie klang viel zu wach für 06:15 Uhr. „Es ist unschön.“ „Mord ist selten eine Schönheitsoperation, Lukas. Ich bin in fünf Minuten da.“
Brandner schob den letzten Rest seiner Breze in den Mund, zahlte passend und warf sich seinen schweren Lodenmantel über. Sein alter 5er BMW, ein E34 in Diamantschwarz, startete mit einem vertrauten Husten. Während er die wenigen Meter zum Englischen Garten rollte, dachte er an die Zeit, als der Eisbach noch ein Geheimtipp für ein paar „Verrückte“ war. Heute war es ein Jahrmarkt.
Am Tatort brannte das blaue Licht der Streifenwagen Löcher in den Morgennebel. Lukas Schmidt stand dort, die Hände in den Taschen seiner Funktionsjacke, und tippte auf seinem Tablet. „Guten Morgen, Herr Kommissar“, sagte Lukas. Er versuchte immer, förmlich zu sein, wenn andere Kollegen in der Nähe waren. „Spar dir den Kommissar, Lukas. Was haben wir?“
Sie traten an das Ufer, dort, wo das Wasser unter der Brücke hervorschoss. Die Leiche war bereits aus dem Wasser geborgen worden. Marc Huber, bekannt als „Sharky“, lag auf einer grauen Plane. Sein Gesicht war bleich, fast marmoriert, die Augen starrten in den grauen Münchner Himmel.
„Er war der König hier“, sagte Lukas leise. „Drei Millionen Klicks auf sein letztes Video, wie er die Welle bei Flutlicht reitet. Er hatte Sponsorenverträge mit Uhrenherstellern, Sportgetränken, sogar einer Bank.“ Brandner kniete sich hin. Er ignorierte das Tablet, das Lukas ihm hinhielt. Er sah sich die Hände des Toten an. „Schau dir das an, Lukas. Die Fingernägel sind abgebrochen. Er hat gekämpft. Nicht gegen die Strömung, sondern gegen jemanden.“
Er deutete auf den Hals des Toten. Dort war ein feiner, fast chirurgischer Schnitt zu sehen, der unter dem Neopren verschwand. „Ein Messer?“, fragte Lukas. „Oder eine Finne“, antwortete Brandner. „Ein Surfbrett kann im richtigen Winkel wie ein Beil wirken. Aber schau dir das Loch im Anzug an.“ Er zog das Material vorsichtig beiseite. In der Wunde schimmerte etwas. Es war kein Blut. Es war ein tiefes, fast künstliches Blau.
„Das ist Pigment“, stellte Lukas fest und machte sofort ein Foto mit dem Tablet. „Ich schicke es direkt in die Datenbank der Spurensicherung.“ Brandner stand mühsam auf. Seine Knie knackten. „Mach das. Während du tippst, schau ich mir die Zuschauer an.“ Er deutete auf die Brücke oben. Trotz der frühen Stunde und der Polizeiabsperrung standen dort drei junge Männer in Neoprenanzügen, ihre Bretter unter den Armen. Sie wirkten nicht schockiert. Sie wirkten wütend.
„Die Szene hier ist wie eine Familie, Lukas“, sagte Brandner und zündete sich eine filterlose Zigarette an, obwohl es am Tatort verboten war. „Und in den besten Familien gibt es die blutigsten Morde. Geh zu ihnen. Spiel den netten, jungen Polizisten, der ihre Sprache spricht. Ich bleibe hier beim Toten. Er erzählt mir wahrscheinlich mehr als die da oben.“
Lukas nickte. „Verstanden. Aber Chef? Die Zigarette…“ „Ich weiß, Lukas. Die DNA. Aber der Wind weht den Rauch Richtung Isar, also reg dich nicht auf.“
Brandner sah seinem jungen Kollegen nach. Er mochte den Jungen, auch wenn er es nie zugeben würde. Lukas war schnell, effizient und verließ sich auf Daten. Aber Brandner wusste, dass Daten keine Motive hatten. Menschen hatten Motive. Und hier, an der Eisbachwelle, wo das Geld der Sponsoren auf den Dreck des Wassers traf, gab es davon sicher genug.
Er blickte wieder auf den blauen Schimmer in der Wunde des Toten. Es war das Blau einer Welt, die er nicht mehr verstand. Aber er würde sie jagen.
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Kapitel 2: Neopren und Netzwerke
Das Institut für Rechtsmedizin in der Nußbaumstraße war ein Ort, den Josef Brandner seit dreißig Jahren mied, wann immer es ging. Der Geruch nach Desinfektionsmitteln und dem fahlen Beigeschmack der Vergänglichkeit drückte ihm aufs Gemüt.
Dr. Giesing, eine Frau, die so trocken war wie ein guter Silvaner, schob die stählerne Schublade auf. Marc Huber sah im Neonlicht noch blasser aus.
„Todesursache war nicht das Ertrinken, Josef“, sagte Giesing und deutete auf den Hals. „Der Schnitt hat die Halsschlagader zwar nur touchiert, aber der Schock und der massive Blutverlust im eiskalten Wasser haben sein Herz stoppen lassen, bevor er überhaupt realisieren konnte, dass er stirbt.“
Lukas Schmidt tippte auf seinem Tablet mit. „Und was ist mit der blauen Substanz, Frau Doktor?“
Giesing holte ein kleines Glasfläschchen hervor. Darin schwamm ein Splitter, kaum größer als ein Fingernagel, getränkt in jenem unnatürlichen Kobaltblau. „Das ist kein Lack im herkömmlichen Sinne. Es ist ein Verbundstoff. Epoxidharz, angereichert mit Pigmenten, wie man sie in der Luftfahrt oder im High-End-Sportwagenbau verwendet. Extrem hart, extrem scharfkantig, wenn es bricht.“
„Ein Surfbrett aus dem Weltraum?“, spöttelte Brandner.
„Eher ein Prototyp“, korrigierte Lukas, ohne aufzublicken. „Ich habe die Foren gecheckt. Es gab Gerüchte, dass Huber an einem neuen ‚Silent Board‘ gearbeitet hat – ein Brett aus Carbon und Spezialharz, das die Reibung auf der stehenden Welle fast auf Null reduziert. Ein Unikat.“
Brandner brummte. „Ein Unikat, das ihn umgebracht hat? Das wäre ja fast schon poetisch, wenn’s nicht so eine Sauerei wäre. Giesing, danke. Lukas, wir fahren ins Lehel. Ich muss mal mit den Leuten reden, die nicht nur in Bildschirme starren.“
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Die Mauer des Schweigens
Sie parkten den BMW in der Nähe der Prinzregentenstraße. Die Wintersonne versuchte zaghaft, durch die Wolken zu brechen, scheiterte aber kläglich am Münchner Grau. Das „Board-Haus“, ein kleiner, vollgestopfter Laden für Surferbedarf, war der inoffizielle Stammtisch der Szene.
Drinnen roch es nach Neopren, Wachs und billigem Filterkaffee. Hinter dem Tresen stand ein Mann Mitte 50, dessen Gesicht so gegerbt war, dass er auch als Lederwarenhändler hätte durchgehen können. Man nannte ihn nur „Gully“.
„Wir haben keine Fragen, und wir haben keine Antworten“, sagte Gully, bevor Brandner überhaupt die Tür hinter sich zugezogen hatte.
„Servus Gully“, sagte Brandner ruhig und lehnte sich an den Tresen. „Ich bin nicht hier, um eure Genehmigungen fürs Surfen zu prüfen. Der Sharky ist tot. Und er wurde nicht von der Welle gefressen, sondern von jemandem, der wahrscheinlich genau hier seinen Kaffee trinkt.“
Die drei jungen Männer, die in der Ecke auf alten Sofas saßen, hielten in ihren Gesprächen inne. Die Luft im Raum wurde schlagartig dick.
Lukas trat vor. „Wir wissen von dem Sponsorenvertrag mit ‚PureFlow‘. Es heißt, Sharky wollte die Welle für Dreharbeiten sperren lassen. Dass er die ‚Soul Surfer‘ verraten hat, für ein bisschen Ruhm und viel Geld.“
Einer der Jungen, ein Kerl mit tätowierten Unterarmen und nervösen Augen, lachte hart auf. „Verraten? Er hat die Welle verkauft! Er wollte, dass hier Sicherheitsleute stehen, damit er seine perfekten Aufnahmen für die Banken-Werbung bekommt. Sharky war kein Surfer mehr, er war eine Marke.“
„Und das ist ein Grund, ihn aufzuspießen?“, fragte Brandner scharf.
„Niemand hat ihn aufgespießt“, sagte Gully mit belegter Stimme. „Aber am Eisbach gibt es Regeln. Die Welle gehört allen. Wer das vergisst, kriegt Probleme. Aber Mord? Das passt nicht zu uns.“
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Die Entdeckung im Hinterhof
Brandner beobachtete den Jungen mit den Tätowierungen. Er hieß laut Lukas’ Recherchen „Basti“ und war Hubers ehemaliger bester Freund. Basti mied Brandners Blick und fummelte an seinem Schlüsselbund herum.
„Lukas, bleib du hier und lass dir die Kundenliste geben“, befahl Brandner. „Ich muss mal kurz frische Luft schnappen.“
Brandner ging nicht zur Vordertür hinaus. Er nutzte den schmalen Gang neben der Werkstatt, der in den Hinterhof führte. Dort stapelten sich alte Bretter, kaputte Neoprenanzüge und Mülltonnen. In einer Ecke, halb unter einer Plane versteckt, sah er etwas Schimmerndes.
Er hob die Plane an. Es war ein Surfbrett. Aber kein gewöhnliches. Es war mattschwarz, aus Carbon, und an der vorderen Kante fehlte ein Stück. Die Bruchstelle leuchtete in einem intensiven, giftigen Kobaltblau.
„Na schau an“, flüsterte Brandner.
Plötzlich hörte er das hastige Geräusch von Schritten auf dem Kies. Jemand rannte aus dem Hinterausgang des Ladens.
„Halt! Polizei!“, brüllte Brandner, doch seine alten Knie protestierten sofort gegen den plötzlichen Sprint. „Lukas! Er rennt Richtung Luitpoldgymnasium!“
Kapitel 3: Hetzjagd im Lehel
Lukas Schmidt reagierte instinktiv. Er riss die Hintertür des Ladens auf, stürmte an Brandner vorbei und sah nur noch den Schatten von Basti, der über einen niedrigen Maschendrahtzaun sprang.
„Bleiben Sie stehen!“, rief Lukas, während er sein Tablet im Laufen in die Seitentasche seiner Jacke schob. Sein Puls schoss in die Höhe. Das Training bei der Bereitschaftspolizei zahlte sich aus; er war schnell, doch Basti kannte diesen Hinterhof wie seine Westentasche.
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Zwei Wege, ein Ziel
Brandner hingegen rannte nicht. Er fluchte leise über seine Arthrose, zündete sich aber keine neue Zigarette an. Er wusste, dass Basti nicht zur Isar laufen würde – dort war zu viel freie Fläche. Er würde versuchen, in den verwinkelten Gassen des Lehels unterzutauchen.
„Lukas! Über den Spielplatz! Ich schneid ihm den Weg an der Liebigstraße ab!“, brüllte Brandner gegen den Wind, doch Lukas war bereits außer Hörweite.
Die Verfolgung:
- Lukas: Sprintete durch den schmalen Durchgang, sprang über eine abgestellte Mülltonne und hielt Basti dicht auf den Fersen. Er sah, wie der Junge fast ein parkendes Lastenrad rammte.
- Brandner: Schlurfte so schnell er konnte zurück zu seinem BMW. Er wusste, dass die Liebigstraße eine Einbahnstraße war. Wenn er richtig spekulierte, würde Basti versuchen, durch einen privaten Hinterhof zur U-Bahn-Station Lehel zu gelangen.
Lukas spürte das Brennen in seiner Lunge. Basti war flink, er trug leichte Sneaker, während Lukas in seinen Dienstschuhen auf dem feuchten Kopfsteinpflaster ins Rutschen kam. „Bleib stehen, verdammt noch mal!“, keuchte er. Basti bog scharf links ab, direkt in ein offenes Garagentor.
Lukas folgte ihm, doch im dunklen Inneren der Garage verlor er den Sichtkontakt. Nur das Echo von Schritten auf Beton war zu hören.
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Die Sackgasse
Am Ende der Garage führte eine schmale Tür hinaus auf die Straße. Basti riss sie auf, stürmte hinaus – und prallte direkt gegen die massive Brust von Hauptkommissar Brandner, der dort seelenruhig lehnte, als hätte er seit Stunden gewartet.
„Na, Bürscherl?“, sagte Brandner und packte Basti am Kragen. „Ausgepustet?“
Basti versuchte sich loszuwinden, doch Brandner hielt ihn mit der eisernen Ruhe eines Mannes fest, der schon ganz andere Kaliber bändigte. Einen Augenblick später stolperte Lukas aus der Tür, völlig außer Atem, das Gesicht rot angelaufen.
„Chef… wie… wie haben Sie…“, prustete Lukas.
„Erfahrung, Lukas. Wer hier flieht, nimmt immer diesen Hinterhof. Die Tür klemmt im Sommer, aber bei der Kälte zieht sich das Metall zusammen“, erklärte Brandner trocken. Er drückte Basti gegen die Wand. „Und jetzt reden wir über das blaue Brett in deinem Hinterhof, Basti. Bevor ich ungemütlich werde.“
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Das Geständnis des Schattens
Basti sackte in sich zusammen. Der Trotz in seinen Augen war verschwunden, ersetzt durch puren Schrecken.
„Ich hab ihn nicht umgebracht!“, stammelte er. „Ich hab das Brett nur gefunden. Heute Morgen, kurz nachdem die Polizei kam. Es lag im Gebüsch, ein paar hundert Meter flussabwärts von der Welle.“
„Warum hast du es versteckt?“, fragte Lukas, der seinen Atem langsam wieder unter Kontrolle hatte.
„Weil es mein Brett war!“, rief Basti. „Ich habe es für Sharky gebaut. Es war ein Prototyp. Wenn die Leute erfahren, dass er durch mein Board gestorben ist… die Szene hätte mich gelyncht. Sie hassen ihn schon genug, weil er sich verkauft hat. Aber wenn sein Tod mit meinem Material zu tun hat, bin ich erledigt.“
Brandner ließ den Kragen los, blieb aber dicht vor ihm stehen. „Du hast ihm das Brett also gegeben?“
„Nein“, flüsterte Basti. „Er hat es gestohlen. Er hat es gestern Abend aus meiner Werkstatt mitgenommen, ohne zu fragen. Er wollte es bei dem Fotoshooting heute Morgen benutzen, um seinen Sponsoren zu zeigen, wie viel schneller er damit ist. Er wollte den Ruhm für meine Arbeit ernten.“
„Ein Motiv“, stellte Lukas fest und sah Brandner an.
„Ein Motiv für Basti, ja“, sagte Brandner nachdenklich. „Aber warum sollte er die Leiche dann am Fundort liegen lassen und nur das Brett mitnehmen? Das macht keinen Sinn. Wenn er ihn umgebracht hätte, hätte er beides verschwinden lassen.“
Brandner sah Basti tief in die Augen. „Wer wusste noch von dem Brett, Basti? Wer wusste, dass Sharky es heute Morgen testen wollte?“
Basti zögerte. „Nur… nur seine Agentin. Und dieser Typ vom Yacht-Club. Der Geldgeber.“
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Kapitel 4: Champagner und Haifische
Das Polizeipräsidium in der Ettstraße wirkte an diesem Vormittag besonders grau. In Brandners Büro stapelten sich die Akten, während Lukas auf seinem Laptop drei verschiedene Datenbanken gleichzeitig abfragte. Der Geruch von abgestandenem Kaffee vermischte sich mit dem Aroma von Brandners Pfeifentabak.
„Ich hab’s, Chef“, sagte Lukas und drehte den Bildschirm zu Brandner. „Die Agentin heißt Isabella ‚Bella‘ Varell. Sie führt eine Agentur für Extremsportler in Schwabing. Aber der eigentliche Fisch am Haken ist ein Mann namens Dr. Adrian von Lengenfeldt.“
Brandner hob eine Augenbraue. „Lengenfeldt? Der Immobilienlöwe? Dem gehört doch die halbe Innenstadt.“
„Genau der. Er ist der Hauptinvestor hinter ‚PureFlow‘. Offiziell ein Sportgetränk, inoffiziell ein Vehikel für Stadtentwicklungsprojekte. Ich habe eine E-Mail-Korrespondenz gefunden, die Sharky heute Morgen an seine Agentin geschickt hat. Um 03:45 Uhr. Betreff: ‚Ich zieh das nicht durch. Die Welle bleibt frei.‘“
Brandner lehnte sich zurück, sodass sein alter Holzstuhl gefährlich knarrte. „Kurz bevor er starb, wollte er also den Deal platzen lassen. Das ist kein Motiv für einen Surfer-Kumpel, Lukas. Das ist ein Motiv für jemanden, der Millionen verlieren könnte.“
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Ausflug in den Speckgürtel
Sie nahmen den BMW. Brandner weigerte sich, den neuen Dienstwagen mit Automatik zu fahren. Während sie auf der A95 Richtung Starnberger See rasten, beobachtete Brandner die vorbeiziehenden Villen.
„Wissen Sie, Lukas“, begann Brandner nachdenklich, „früher haben sich die Leute wegen einer beleidigten Ehre oder aus Eifersucht umgebracht. Heute morden sie für Excel-Tabellen und Markenrechte. Das ist doch erbärmlich.“
„Es geht nicht um Tabellen, Chef. Es geht um Macht“, entgegnete Lukas. „Wenn Lengenfeldt die Exklusivrechte am Eisbach bekommen hätte, wäre das der Startschuss für die Kommerzialisierung des gesamten Englischen Gartens gewesen. Ein Präzedenzfall.“
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Der Yacht-Club
Der „Bayerische Yacht-Club“ in Starnberg war die Definition von Diskretion. Weiße Segel, poliertes Teakholz und Menschen, die Pullover über den Schultern trugen, als wäre es eine gesetzliche Vorschrift.
Dr. von Lengenfeldt empfing sie auf der Terrasse. Er war ein Mann mit scharf geschnittenem Gesicht und Augen, die so kalt waren wie das Wasser des Eisbachs. Neben ihm stand Isabella Varell, eine Frau in den Dreißigern mit einem teuren Hosenanzug und einem Gesicht, das jede Emotion mit einer Schicht Make-up weggebügelt hatte.
„Ein tragischer Verlust“, sagte Lengenfeldt, während er an seinem Espresso nippte. „Marc war ein Ausnahmetalent. Wir hatten große Pläne mit ihm.“
„Pläne, die er heute Morgen per E-Mail beendet hat“, warf Lukas trocken ein.
Isabella Varell zuckte kurz zusammen, fing sich aber sofort. „Marc war… launisch. Er war ein Künstler auf dem Wasser. Er hatte oft Zweifel, bevor er ein großes Projekt unterschrieb. Wir hätten ihn schon umgestimmt.“
„Mit was? Mit dem blauen Carbon-Board?“, fragte Brandner und trat einen Schritt näher an Lengenfeldt heran. „Wir haben das Brett gefunden. Basti, der Shaper, sagt, Sharky hätte es gestohlen. Aber ich glaube, jemand hat es ihm untergeschoben. Ein Brett, das so scharf präpariert war, dass es zur Waffe wurde.“
Lengenfeldt lachte kurz auf. „Kommissar, Sie schauen zu viele Krimis. Warum sollten wir unsere wichtigste Werbefigur töten?“
„Weil eine tote Legende manchmal mehr wert ist als ein lebendiger Verräter“, antwortete Brandner. „Ein Märtyrer für die Surfer-Sache, dessen Image man nach dem Tod ausschlachten kann. Ohne dass er Widerworte gibt.“
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Die Spur der Tränen
Als sie den Club verließen, bemerkte Lukas, dass Isabella Varell ihnen folgte. Sie wirkte nervös, ihr Blick huschte ständig zurück zu Lengenfeldts Tisch.
„Warten Sie!“, rief sie leise, als sie den Parkplatz erreichten. „Marc wollte nicht nur aussteigen. Er hatte Beweise.“
„Beweise wofür?“, fragte Lukas und aktivierte unauffällig die Aufnahmefunktion seines Handys.
„Lengenfeldt baut nicht nur Sportgetränke. Er wäscht Geld über diese Sport-Events. Das blaue Pigment im Harz des Brettes… es stammt aus einer Fabrik, die Lengenfeldt gehört. Er hat Basti gezwungen, dieses Material zu verwenden, unter dem Vorwand, es sei eine Innovation.“
Plötzlich hörte man das Aufheulen eines Motors. Ein schwarzer SUV mit abgedunkelten Scheiben schoss aus der Parklücke und raste direkt auf sie zu.
„Weg da!“, brüllte Brandner und riss Isabella Varell zur Seite.
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Kapitel 5: Blaulicht und blaues Gift
Der schwarze SUV, ein bulliger Mercedes G-Modell, riss den Kies des Parkplatzes in die Luft. Die Reifen schrien auf dem Asphalt, als der Wagen nur Zentimeter an Brandner und der völlig erstarrten Isabella Varell vorbeischoss.
Lukas reagierte geistesgegenwärtig. Während er sich abrollte, riss er sein Smartphone hoch. Klick. Klick. Klick.
„Hab dich, du Arsch“, presste Lukas hervor, während er wieder auf die Beine kam. Der SUV beschleunigte, hängte eine scharfe Kurve am Ausgang des Yacht-Clubs und verschwand mit aufheulendem Motor auf der Landstraße Richtung Autobahn.
Brandner half Isabella Varell auf. Die Agentin zitterte am ganzen Leib. „Er… er wollte uns umbringen. Mitten am helllichten Tag!“
„Lengenfeldt wird nervös“, sagte Brandner und klopfte sich den Dreck vom Lodenmantel. Er wirkte seltsam ruhig, fast schon belebt durch das Adrenalin. „Wenn die Herrschaften anfangen, das Auto als Waffe zu benutzen, haben wir meistens schon gewonnen. Lukas, hast du das Kennzeichen?“
„Das Kennzeichen ist auf eine Briefkastenfirma in Grünwald zugelassen“, sagte Lukas, während er bereits die Daten an die Zentrale schickte. „Aber viel wichtiger: Ich habe das Gesicht des Fahrers auf dem Foto. Das ist Lengenfeldts persönlicher Sicherheitschef. Ein ehemaliger Personenschützer.“
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Die Spur im Labor
Sie brachten Isabella Varell im Präsidium unter – Zeugenschutz, oberste Priorität. Brandner und Lukas zogen sich in die Kaffeeküche zurück, die nach verbranntem Pulver und Putzmittel roch.
„Chef, ich habe die Analyse vom LKA bekommen“, sagte Lukas und schob Brandner ein Dokument hin. „Dieses blaue Pigment im Surfbrett. Es ist kein gewöhnliches Epoxid. Es enthält Kobalt-Lithium-Silikat in einer ganz spezifischen Zusammensetzung.“
Brandner starrte auf die chemischen Formeln. „Lies mir das vor, als wäre ich ein normaler Mensch, Lukas.“
„Es ist ein industrieller Marker“, erklärte Lukas aufgeregt. „Dieses spezielle Blau wird in den Fundamenten von Lengenfeldts neuen Luxus-Lofts an der Isar verwendet. Es dient dazu, Lecks im Beton per UV-Licht aufzuspüren. Es ist hochgiftig, wenn es in die Blutbahn gelangt – und es ist absolut exklusiv für Lengenfeldts Baustellen.“
Brandner verstand sofort. „Er hat das Brett nicht nur manipuliert, damit es bricht. Er hat die Kanten mit diesem Zeug gehärtet. Ein einziger Schnitt, und das Gift gelangt in den Körper. Marc Huber ist nicht nur verblutet, er wurde im wahrsten Sinne des Wortes vergiftet, während er auf der Welle stand.“
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Der Masterplan
Die Ermittlungen ergaben nun ein düsteres Gesamtbild. Lengenfeldt plante die „Isar-Terrassen“, ein Milliardenprojekt. Das einzige Hindernis: Die strengen Naturschutzauflagen und der öffentliche Zugang zum Fluss.
Wenn der Eisbach – das Symbol des freien Münchens – erst einmal privatisiert und kontrolliert wäre, wäre der Weg frei für die restliche Uferbebauung. Marc Huber sollte das Gesicht dieser „Säuberung“ sein. Als er sich weigerte und drohte, die Korruption bei der Genehmigung des Projekts aufzudecken, wurde er beseitigt.
„Wir brauchen einen Beweis, der Lengenfeldt direkt mit der Tatnacht verbindet“, sagte Brandner. „Etwas, das kein Anwalt der Welt wegerklären kann.“
„Ich habe da eine Idee“, sagte Lukas und grinste zum ersten Mal an diesem Tag. „Erinnern Sie sich an das Carbon-Board, das Basti versteckt hat? Das Bruchstück, das in Hubers Wunde war? Wenn wir beweisen können, dass das Board in Lengenfeldts privater Werkstatt in seiner Villa präpariert wurde, haben wir ihn.“
Brandner sah auf die Uhr. 22:00 Uhr. „Lukas, haben Sie eigentlich Ihre Laufschuhe dabei?“
Lukas stutzte. „Ja, warum?“
„Weil wir keine Zeit für einen Durchsuchungsbeschluss haben, der morgen früh von Lengenfeldts Justiziaren zerrissen wird. Wir machen das jetzt. Auf die alte Art. Wir gehen fischen.“
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Die Nacht in Bogenhausen
Die Villa von Lengenfeldt in Bogenhausen war eine Festung aus Glas und Stahl. Überall Kameras, Bewegungsmelder und eine hohe Mauer.
„Und wie kommen wir da rein?“, flüsterte Lukas, während sie im Schatten einer alten Eiche standen.
Brandner holte eine kleine Fernbedienung aus der Tasche. „Wissen Sie, Lukas, Lengenfeldt hat vor zwei Jahren ein Haus in der Au saniert. Mein Schwager war der Elektriker für die Alarmanlagen. Er hat mir mal erzählt, dass diese Systeme alle eine Schwachstelle haben, wenn man die Frequenz der Garagentore überlagert.“
Mit einem leisen Summen glitt ein kleines Seitenfenster des Poolhauses auf.
„Nach Ihnen, Technik-Genie“, schmunzelte Brandner.
Doch als sie die Werkstatt im Untergeschoss betraten, brannte dort bereits Licht. Und sie waren nicht allein.
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Kapitel 6: Das blaue Phantom
Die Werkstatt im Keller der Villa Lengenfeldt sah nicht aus wie eine Bastelbude. Sie glich einem Operationssaal. Überall hingen LED-Leuchten, die ein schmerzend weißes Licht auf die polierten Oberflächen warfen. In der Mitte des Raumes stand ein massiver Werktisch, auf dem Reste von Carbonfasern und leere Kanister mit der Aufschrift „Cobalt-Silicate-Compound“ standen.
„Einfacher Hausfriedensbruch, Kommissar. Das wird Ihre Karriere beenden, noch bevor die Sonne aufgeht“, tönte eine Stimme aus dem Schatten.
Dr. Adrian von Lengenfeldt trat ins Licht. Er trug einen seidenen Hausmantel, doch in seiner rechten Hand hielt er etwas, das absolut nicht zu seinem Outfit passte: Eine schwere Dienstpistole, Modell P30. Hinter ihm baute sich der Sicherheitschef auf – der Mann aus dem schwarzen SUV, dessen Gesicht Lukas auf dem Parkplatz fotografiert hatte.
„Karriere?“, lachte Brandner trocken und trat einen Schritt vor Lukas, um ihn abzuschirmen. „Wissen Sie, Lengenfeldt, ich bin seit vierzig Jahren im Dienst. Das Einzige, was an mir noch Karriere macht, ist mein Rheuma. Aber Sie? Sie haben gerade den Fehler Ihres Lebens gemacht.“
„Welchen denn?“, spottete Lengenfeldt. „Dass ich zwei Einbrecher in Notwehr erschieße?“
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Der digitale Fangschuss
Lukas zitterte nicht. Er hielt sein Tablet hoch, aber nicht wie eine Waffe, sondern wie einen Spiegel.
„Wir sind nicht allein hier drin, Herr Doktor“, sagte Lukas mit einer Ruhe, die Brandner stolz machte. „Mein Tablet ist über ein gesichertes VPN direkt mit dem Server des Präsidiums verbunden. Das Live-Signal der Kameras läuft bereits. Jedes Wort, jedes Bild von dieser Werkstatt wird in Echtzeit aufgezeichnet. Wenn Sie abdrücken, sieht halb München dabei zu.“
Lengenfeldt erstarrte. Er blickte kurz zu seinem Sicherheitschef, der nervös von einem Fuß auf den anderen trat.
„Und noch was“, fuhr Lukas fort. „Wir haben die Lieferlisten Ihres Labors. Sie haben das blaue Pigment nicht nur für den Bau verwendet. Sie haben es in das Board von Marc Huber eingearbeitet. Wir haben die chemische Signatur. Es ist die perfekte Mordwaffe: Ein Gift, das wie ein Unfall aussieht, versteckt in einem High-Tech-Sportgerät.“
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Flucht nach vorn
Lengenfeldt erkannte, dass er in der Falle saß. Doch ein Mann seines Formats gab nicht einfach auf. Er gab seinem Sicherheitschef ein kurzes Zeichen.
„Weber, räum das hier auf“, zischte er.
Lengenfeldt drehte sich um und stürmte durch einen Hinterausgang, der direkt zur Tiefgarage führte. Weber stürzte sich auf Lukas, doch diesmal war Brandner schneller. Trotz seines Alters schwang der Kommissar seinen schweren Gehstock mit einer Präzision, die Weber direkt gegen die Schläfe traf. Der Hüne ging mit einem dumpfen Schlag zu Boden.
„Laufen Sie ihm nach, Lukas!“, brüllte Brandner. „Er will zum Eisbach! Er hat dort noch Beweise vernichtet – oder er will sich absetzen!“
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Showdown an der Welle
Es war drei Uhr morgens, als sie den Englischen Garten erreichten. Der Nebel war dichter als am Vorabend. Das Rauschen der Welle klang in der Stille der Nacht wie ein unaufhörlicher Donnerschlag.
Sie sahen Lengenfeldts Wagen am Straßenrand stehen. Die Scheinwerfer schnitten durch den Nebel. Lengenfeldt stand direkt am Rand der Mauer, dort, wo das Wasser am heftigsten gegen den Beton peitschte. In seinen Händen hielt er eine Tasche – wahrscheinlich die letzten Prototypen der blauen Finne.
„Es ist vorbei, Adrian!“, rief Brandner. Er keuchte, seine Lunge brannte vom kalten Nebel. „Geben Sie es auf. München ist eine Dorfstadt. Hier bleibt nichts verborgen, nicht einmal im Schlamm der Isar.“
Lengenfeldt sah sie an. Sein Gesicht war eine Fratze aus Hass und Verzweiflung. „Diese Stadt gehört mir! Ich habe sie aufgebaut, ich habe ihr den Glanz gegeben! Und ein kleiner Surfer wollte mir das alles nehmen?“
Er holte aus, um die Tasche in die reißende Strömung zu werfen. In diesem Moment rutschte er auf dem feuchten, bemoosten Rand der Mauer aus.
Lukas stürzte vor, um ihn zu greifen, doch das Wasser war schneller. Mit einem Schrei verschwand Lengenfeldt in der dunklen Gischt der Eisbachwelle. Das Wasser, das er kontrollieren und verkaufen wollte, riss ihn mit sich.
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Der Morgen danach
Zwei Stunden später. Die Taucher der Feuerwehr hatten Lengenfeldts Körper geborgen, ein paar hundert Meter flussabwärts, genau dort, wo Marc Huber gefunden worden war. Ironie des Schicksals, dachte Brandner.
Die ersten Surfer tauchten bereits wieder auf, ihre Bretter unter den Armen, die Gesichter verschlafen, aber entschlossen. Sie wussten nichts von der Korruption, nichts von dem Gift und nichts von dem Mann, der ihre Welle fast gestohlen hätte.
Brandner und Lukas saßen auf der Motorhaube des BMW. Die Sonne ging langsam über dem Monopteros auf und färbte den Himmel in ein sanftes Rosa.
„Gute Arbeit, Lukas“, sagte Brandner leise und hielt ihm eine Papiertüte hin. „Hier. Eine frische Auszogne vom Bäcker.“
Lukas nahm das Gebäck dankend an. „Danke, Chef. Sagen Sie mal… hätten wir den Live-Stream wirklich im Präsidium gehabt? Mein Akku war eigentlich bei drei Prozent.“
Brandner sah ihn an, kaute langsam und grinste dann breit. „Lukas, in meinem Alter lernt man eines: Ein guter Bluff ist mehr wert als jede Datenbank. Aber verraten Sie es niemandem.“
Lukas lachte. „Abgemacht. Und was machen wir jetzt?“
Brandner klopfte sich den Zucker vom Mantel und startete den Motor. „Jetzt fahren wir ins Büro. Wir haben 50 Seiten Bericht zu schreiben. Und danach? Danach lade ich Sie auf ein Bier ein. Aber nicht in Starnberg. In einer echten Boatzn, wo man noch weiß, wie man ‚Servus‘ sagt.“
